„Volkstrauertag“ am 17 November 2002
Jeder dritte Sonntag im Monat November wird alljährlich in ganz Deutschland Volkstrauertag auf
feierliche Weise begangen. Es ist ein Gedenktag zum Andenken und Ehren für Millionen von deutschen Soldaten die in den
zwei Weltkriegen des 20. Jahrhunderts auf dem Felde der Ehre den Heldentod starben, sowie den vielen Tausenden von
Opfern des Naziregimes. Aus diesem Anlass finden in allen Städten Deutschlands Kranzniederlegungen an Kriegerdenkmalen
statt. Trauermessen werden gelesen, alte Soldatenfotographien werden ans Tageslicht gebracht, und viele Erinnerungen
werden wieder wach. Ich persönlich bin Mitglied eines Gesangvereines in Monheim-Baumberg und sang mit meinem Chor unter
der Begleitung des Baumbergers Orchester, das aus Herz ergreifende Lied: „Ich hatte einen Kameraden“. Vor
der Gedenktafel gefallender deutscher Soldaten hielt ein Priester eine feierliche Predigt und mit Rührung nahm ich
wahr, dass in vielen Augen der Teilnehmer an jener Gedenkfeier Träumen traten. Gleichzeitig aber musste ich die
traurige Feststellung machen, dass die Anzahl der Teilnehmer im Gegensatz zu der Bevölkerungszahl sehr gering war. Es
waren vorwiegend Teilnehmer davon Anwesenheit zur Pflicht wurde. Trotz guten Vorbereitungen zu jener Gedenkfeier, sowie
Reihe von Aufrufen zur Teilnahme fand das Interesse der hiesigen Bevölkerung keinen fruchtbaren Boden. Teilnehmer der
jüngeren Generation waren wie Finger an den Händen zu rechnen. Zu meiner Beruhigung aber kam mir der Gedanke, dass es
im Oberschlesischem und zwar in Kattowitz auch nicht anders ist. Dort wurden Anfang des Jahres 2 Denkmäler in Bronze
von polnischen Nationalhelden enthüllt und diese Begebenheit fand bei der hiesigen Bevölkerung fast kein Interesse.
Als mein Vater in Tichau 1972 starb, wurde an seinem Grabe in Tichau das gleiche Lied: „Ich
hatte einen Kameraden“ gespielt. Es war das Hüttenorchester der Lazisk Hütte („Huta
£aziska“) welches meinen Vater zu Grabe geleitete, und in der Zeit des kommunistischen Regime so einen Mut
aufwies. Mein Vater war in dieser Hütte beschäftigt und arbeitete unter chemischen, gesundheitsschädlichen
Umständen, was seinen frühen Tod herbeiführte. Auf dem Friedhof wurde ich von meinen älteren Freunden gefragt, ob
ich die Bedeutung dieses Liedes kenne, worauf ich nur mit dem Kopf schüttelte. Mein Vater war ein gesangfroher Mann,
bevorzugte Operettenlieder und sein Lieblingssänger war Jan Kiepura, aber „Ich hatte einen Kameraden“
hörte ich mehrmals von seinen Lippen. Trotzdem er die deutsche Sprache sehr gut beherrschte, sprach er aus Angst vor
den polnischen Nachbarn und gesamten Umgebung niemals deutsch. Nun kam mir in den Sinn, dass ich dem Hüttenorchester
für dieses ergreifende Lied am Grabe meines Vaters nicht gedankt habe, und das auch vor Angst, denn so waren die
damaligen Zeiten in Oberschlesien. Für dieses Lied danke ich heute und hoffe, dass nach 30 Jahren noch jemand aus
Lazisk O/S zur Kenntnis nehmen wird.
In Baumberg schaute ich auf das Namensverzeichnis der Gedenktafel gefallener deutscher Soldaten,
worauf 50 Namen zu sehen sind, wobei Baumberg ungefähr 9000 Einwohner zählt. Eine gleiche Gedenktafel mit den Namen
von Opfern des Naziregimes, und 3 oberschlesische Aufstände von
1919 - 21 befindet sich im Vorraum der Maria Magdalena Kirche in meiner Heimatstadt Tichau O/S doch
ihre Zahl beträgt 300, bei einer Einwohnerzahl der Stadt von 10.000. Zum größten sind es oberschlesische Soldaten,
die an allen Fronten Europas kämpften, und denen die Wehrmachtsuniform oft aufgedrängt wurde. Denn wird in Tichau
keine Gedenkfeier gewidmet, denn die heutigen polnischen Machthaber der Stadt keine Ahnung von ihrer Vergangenheit
haben. Es sind zum größten Teil Ostpolen, die mit ihren Gedanken sich oft in ihrer alten Heimat, das heißt Lemberg,
Lublin oder Kielce befinden.
Als ich auf die Baumberger Gedenktafel während den Trauerfeierlichkeiten und den Anwesenden schaute,
fragte ich mich, ob jemand von ihnen davon weiß, dass im Januar 1945 in den Tichauer Wäldern über 200 deutsche
Soldaten, die sich den vordrängenden Rotarmisten auf Gnade oder Ungnade ergaben, von ihnen erbarmungslos
niedergeschossen wurden. Ein großer Teil der Getöteten waren Oberschlesier, die den weiteren Kampf als Unsinn
betrachteten und hofften, durch Ergebung auf ihrer Erde eher zu den Ihren zu gelangen. Unter den Niedergemetzelten
befand sich auch mein Onkel Joseph Niemietz, 23 Jahre alt.
Der Januar 1945 war sehr frostig, und auf die Niedergeschossenen fiel Schnee unter welchem sie bis
zum Februar lagen. Denen ist keine Gedenktafel gewidmet. Tichau O/S hat heute 150. 000 Einwohner, und von den weiß kaum
einer, was vor 57 Jahren im Tichauer Wald geschah. Während der Kriegszeit wurden im KZ Lager Auschwitz 8 Einwohner der
Stadt Tichau umgebracht, zwischen ihnen mein Großonkel Waldemar Niestroj, der im Kampf auf eigene Art gegen „avanti
dilettant“
ermordet wurde (sehe Kapital 10 – „Tichauer Graf - Waldemann“ in „Schlesischen
Reminiszenzen“).
Doch mit dem sinnlosen Morden gefangener deutscher Soldaten im Tichauer Wald war die Rache der
Rotarmisten noch nicht zu Ende. Am 25 Januar 1945 drangen die Rotarmisten in Beuthen O/S ein, und für den dort
gefundenen Widerstand, aus der Rache haben sie sich fürchterlich erhalten. In einem Vorort der Stadt und zwar Mechtal,
einer Ortschaft, die mit Winckler, Godulla und Donnersmarck und damit dem Aufbau oberschlesischer Industrie im 19.
Jahrhundert sehr verbunden ist, drangen die Rotarmisten in die Wohnungen und Kellern ein, schleppten über 300 Männer
wahllos heraus, stellten sie an den Rand einer Grubenhalde und metzelten sie mit einem Maschinengewehr erbarmungslos
nieder. Unter den Opfern befanden sich auch viel 14-jährige Knaben. Mit der Einnahme Beuthens O/S drang die Rote Armee
ins Reichsgebiet an, das heißt überschritt die Grenze von 1922 und ihre Willkür fand damit keine Grenzen.
Diesen Opfern ist eine Gedenktafel errichtet worden und unter den Namen befindet sich auch der
Priester Franzel von der Heiligenkreuzkirche in Mechtal. Nur eine Marmorfigur der Mutter Gottes mit ihrem Kindlein auf
dem Arm schaut schon seit 150 Jahren mit himmlischer Ruhe auf das Leid der Einwohner Mechtals. Wer kennt heute die
Vergangenheit Jahrhunderte lange alter Kirchen. Wer kennt das Leben und die Verdienste um Oberschlesien eines
katholischen Priesters und zwar Bonczyk? Die heutige polnischen Machthaber in Oberschlesien kennen die Vergangenheit
dieser Erde nicht. Sie stammen zum größten Teil aus Ostpolen und waren dort Opfer der grauenhaften Taten von Seiten
der Ukrainer und dessen erinnern sie sich gut, obwohl seit dieser Zeit auch schon über 50 Jahre vergangen sind. Ob im
Geiste, der Gerechtigkeit, Freiheit und Demokratie werden in Zukunft noch jener Oberschlesier gedacht, die an allen
Fronten der Welt kämpften und starben, und sie zu ehren? So, wie es in Deutschland der Fall ist.
Freiherr Joseph von Eichendorff, schrieb selbst als Teilnehmer und preußischer Offizier an den
Freiheitskriegen von 1813 – 14, oberschlesischer Dichter und Romantiker in einem seinen Gedichte.
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Die Trägen, die zu Hause liegen,
Erquicket nicht das Morgenrot,
Sie wissen nur von Kinderwiegen,
Von Sorgen, Last und Not um Brot.
Joseph von Eichendorff |
Leniwcy, co si ê w domu pierz±,
Nie ujrz± s³oñca
z³otych zórz,
W zaduchu cha³up nêdznie
le¿±,
Nie znaj± ¶piewu,
wina, ró¿.
Übersetzung: R. Schumann |